Befunde

Was der vollständige Vergleich tatsächlich zeigt

Nicht jede zunächst starke Aussage hält dem Vergleich aller Parteien stand. Genau das ist der Zweck dieser Seite: Befunde werden korrigiert, sobald eine breitere Datenbasis eine präzisere Aussage erlaubt.

Wichtige Korrektur des ursprünglichen Befunds

„Neun von zehn Einkommensgruppen liegen bei der Linken im Plus“ ist korrekt, aber als Parteienvergleich unzureichend. Union, FDP und AfD weisen in der ZEW-Modellrechnung sogar in allen zehn Einkommensgruppen positive durchschnittliche Einkommenswerte auf. Der entscheidende Unterschied liegt deshalb nicht in der bloßen Zahl positiver Gruppen, sondern in der Verteilungsrichtung und Stärke der Entlastung.

Befund 1

Niedrige und mittlere Einkommen: unterschiedliche Prioritäten

Das ZEW fasst die Programme in zwei Verteilungsmuster zusammen.

SPD · Grüne · Linke · BSW

Entlasten nach ZEW vor allem niedrige und mittlere Einkommen. Bei höheren Einkommen fällt die Entlastung kleiner aus oder wird negativ.

Union · FDP · AfD

Hier steigen die Entlastungen mit dem Einkommen stärker an. Höhere Einkommen profitieren überproportional.

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Befund 2

Wer liegt in welcher Einkommensgruppe vorn?

Die Rangfolge ändert sich entlang der Einkommensverteilung.

ärmste 10 %Linke

+22,9 %. Danach Grüne +2,7 % und SPD +2,3 %.

untere 70 %Linke

In den Gruppen 1 bis 7 jeweils der höchste modellierte prozentuale Zuwachs.

70–80 %FDP

+6,7 %, vor AfD +6,0 % und Linke +4,8 %.

reichste 10 %FDP

+8,9 %, vor AfD +5,5 % und Union +4,3 %.

Befund 3

Armutsrisiko und Ungleichheit erzählen eine andere Geschichte als Steuerentlastung allein

Ein Programm kann in vielen Einkommensgruppen ein Plus erzeugen und gleichzeitig die relative Ungleichheit oder das Armutsrisiko erhöhen.

−2,8 Pp.Linke · ArmutsrisikoStärkster modellierter Rückgang.
−0,9 Pp.Grüne · ArmutsrisikoZweitstärkster Rückgang.
+1,9 Pp.FDP · ArmutsrisikoModellierter Anstieg.
+2,2 Pp.AfD · ArmutsrisikoStärkster modellierter Anstieg.
−10,2 %Linke · UngleichheitStärkster relativer Rückgang des Gini-Maßes.
−4,0 %Grüne · UngleichheitDeutlicher Rückgang.
+2,7 %AfD · UngleichheitModellierter Anstieg.
+4,7 %FDP · UngleichheitStärkster modellierter Anstieg.

Rot kennzeichnet hier eine für Bürger ungünstige Wirkungsrichtung. Das Vorzeichen allein entscheidet nicht: Ein Rückgang von Armutsrisiko oder Ungleichheit bleibt deshalb günstig dargestellt.

Befund 4

Der Haushaltstyp verändert die Rangfolge massiv

Die ZEW-Beispielrechnungen zeigen, warum eine einzige Musterfamilie keine gesamte Bevölkerung repräsentiert.

Familie · 40.000 € brutto/Jahr

Linke +6.150 €, BSW +1.010 €, Grüne +870 €, SPD +860 €, Union +300 €, AfD −440 €, FDP −1.520 €.

Familie · 180.000 € brutto/Jahr

AfD +19.190 €, FDP +11.990 €, Union +5.840 €, SPD +2.200 €, Grüne +100 €, BSW 0 €, Linke −800 €.

Befund 5

Staatshaushalt: Finanzierung gehört in den Vergleich

Private Entlastung und staatliche Einnahmen sind spiegelbildlich miteinander verbunden. Ein Plus beim Staat ist nicht automatisch gut, ein Minus nicht automatisch schlecht.

MehreinnahmenLinke +46 Mrd. €, Grüne +4, BSW +4, SPD +1.
MindereinnahmenUnion −47 Mrd. €, AfD −97, FDP −116.
Keine automatische WertungEntscheidend ist, welche Leistungen finanziert oder welche Belastungen gesenkt werden.

Befund 6 · struktureller Kontext

Wem gehört das private Nettovermögen?

Die Einkommenswirkungen der Wahlprogramme zeigen laufende Geldflüsse. Vermögen ist etwas anderes: ein Bestand aus Immobilien, Unternehmens- und Finanzvermögen sowie weiteren Vermögenswerten – abzüglich Schulden.

reichstes 1 %27,7 %

des privaten Nettovermögens · WIR 2026, Referenzjahr 2024

restliche 99 %72,3 %

zusammen; innerhalb dieser 99 % ist das Vermögen sehr ungleich verteilt

untere 50 %3,4 %

des privaten Nettovermögens

reichste 10 %58,4 %

davon entfallen 27,7 Prozentpunkte auf das reichste 1 %

Das 100-Euro-Modell

So wird die Verteilung unmittelbar verständlich

Wenn das gesamte private Nettovermögen Deutschlands genau 100 Euro wäre, würde sich der Eigentumsanteil nach der WIR-Schätzung so verteilen:

27,70 €reichstes 1 %
30,70 €nächste 9 %
38,20 €mittlere 40 %
3,40 €untere 50 %

Was lässt sich daraus logisch ableiten?

1 · Vermögen ist kein Monatseinkommen.

Die 27,7 % beschreiben Eigentum an Vermögenswerten, nicht den Anteil am laufenden Einkommen und auch keinen Bargeldbestand.

2 · Die 99 % sind keine homogene Gruppe.

Die restlichen 72,3 % liegen überwiegend bei den nächsten 9 % und den mittleren 40 %. Die untere Hälfte besitzt zusammen nur 3,4 %.

3 · Besitz erzeugt ökonomische Handlungsspielräume.

Vermögen kann Kapitalerträge liefern, als Sicherheit für Kredite dienen und Einkommensschocks abfedern. Damit beeinflusst die Verteilung mehr als nur heutigen Konsum.

4 · Aus Konzentration folgt kein automatischer Wachstumseffekt.

Vermögen kann produktive Investitionen finanzieren. Zugleich reagieren niedrigere Einkommen im Durchschnitt stärker mit Konsum auf zusätzlich verfügbares Einkommen. Welche Wirkung dominiert, muss empirisch geprüft werden.

Messunsicherheit an der Spitze: Sehr große Vermögen werden in Haushaltsbefragungen besonders schwer erfasst. Eine DIW-Auswertung mit Hochvermögenden-Zusatzstichprobe und Reichenliste schätzte für 2019 den Anteil des reichsten 1 % auf 35,3 % (Bootstrap-Intervall 32,1–37,9 %). Dieser ältere Wert wird nicht mit der WIR-Schätzung vermischt, sondern zeigt, wie stark Methodik und Spitzenerfassung die gemessene Konzentration beeinflussen können.

Gesamtbefund

Die Daten liefern keinen seriösen „Sieger“ ohne politische Wertentscheidung. Sie zeigen aber sehr klar, welche Einkommensgruppen jede Partei priorisiert, wie stark die direkte Umverteilung ausfällt und welche Programme im Modell Armutsrisiko und Ungleichheit erhöhen oder senken. Die ergänzende Vermögensverteilung beschreibt den strukturellen Ausgangskontext Deutschlands; sie ist kein Ergebnis der Wahlprogramme. Genau diese Ebenen sollten Bürger getrennt und gemeinsam lesen.